COCHEM/FRANKFURT, 07.10.2022

Gott ist ein Schokokeks

Pionierinnen und Pioniere aus fünf Bistümern auf pastoraler Entdeckungstour - und Gabriela von Melle aus St. Josef und Jörg Heuser von Ankerplatz-ffm mitten drin. Drei Tage lang besuchen sie Projekte und Initiativen. Der Weg führt hinauf bis in die Niederlande.

Für Tim ist die Sache klar. "Gott ist ein Schokoladenkeks". „Hab ich halt gerne, … genauso wie Gott!“ Okay, das leuchtet allen aus der Gruppe der 21 Pionierinnen und Pionieren aus fünf Bistümern ein, die sich am letzten Septemberwochenende aufmachten, um auf pastorale Entdeckungstour zu gehen. Auch Frankfurt war mit Gabriela von Melle aus St. Josef und Jörg Heuser von Ankerplatz-ffm vertreten. Während der vier-tägigen Tour wurden sieben Projekte und Initiativen von zumeist protestantischen Gemeinden besucht. Der Weg führt hinauf bis in die Niederlande.

Den Anfang machte die Gruppe im malerischen Moselstädtchen Cochem. Mit der Aufgabe, Gott zu malen, wie sie von Becca, Gemeindepädagogin und Kidscom-Leiterin gestellt wurde, taten sich die Erwachsenen nicht so leicht, wie der sechsjährige Tim mit seinem Keks. Und doch entstanden nach und nach bemerkenswerte Bilder. Eines war voller bunter Gesichter, denn „Gott hat viele Gesichter“, ein anderes Bild zeigte einen Skateboard Fahrer mit Heiligenschein. Auch die Begründung war einleuchtend: „Gott kann eben alles, auch Skateboard fahren“. Auch die Frage, wer Gott sei, Vater oder Mutter, Retter, Schöpfer, Weisheit oder Liebe führte zu vielen anregenden Gesprächen im evangelischen Gemeindehaus.

Kidscom ist durch Spenden finanziert und für Kinder bis 12 Jahre gedacht. Sie sollen Gott auf spielerische Art kennenlernen. Wo sie möchten, werden sie in die Gestaltung der Aktivitäten und Gottesdienste mit einbezogen. Sogar ein Kinderparlament gibt es, wo Entscheidungen nach dem wie und wo von den Kindern getroffen werden. Aktivitäten der Gruppe gibt es viele, wie ein Schatzsucherprojekt auf Spielplätzen oder ein Indoor Winterspielplatz. Erreicht werden die Kinder vor allem über die Schulen der Umgebung. Auch die Katholische Gemeinde vor Ort beteiligt sich.

Nach dem kurzweiligen Start in Cochem ging es am gleichen Tag weiter nach Wesel, wo die Gruppe ihr Hotel bezog, das als Rückzugs- und Reflexionsort für die nächsten Tage diente. Bis in den Abend wurde dort fleißig über das Erlebte reflektiert und diskutiert. Regelmäßige Stuhlkreisrunden durften nicht fehlen, auch wenn abweichend vom Protokoll gegen späten Abend als „gestaltete Mitte“ auch mal ein gut gefüllter Bierkasten herhalten musste.

Gemeinschaft als spirituelles Kernmoment

Weiter nach Düsseldorf zum Projekt garten.kirche, einem Erprobungsraum innerhalb der evangelischen Kirche im Rheinland. Dort erwartet uns bereits Samuel, studierter Theologe und Pastor auf einem brach liegenden Feld am Stadtrand.

Viel Enge habe er in seiner Jugend in Kirchenkreisen erfahren müssen, so Samuel, und dies sei für ihn Motivation, etwas anzubieten, was den Glauben zwar als klar gelebte Haltung hervorhebe aber vor jeder Art von Zwang und Fremdheitserfahrung bewahre. Vision sei für ihn, dass auf diese Art eine neue Form von Kirche entstehen könne, eine Mischung aus Nachbarschaftshilfe und Netzwerk. Erster Schritt sei für ihn gewesen, die Menschen in der Nachbarschaft zu fragen, was ihre Nöte sind. So habe er eine große Angst vor Überfremdung feststellen müssen. Daraus ist die Idee entstanden, Menschen zusammenzubringen, um zu erleben, dass Fremde Freunde werden können. Dabei sei es egal, welchen Glauben, welche Nationalität oder welchen kulturellen Hintergrund diese haben. Reich Gottes sei, so Samuel, wenn fremde Menschen zusammen essen und Vertrauen gewinnen können. Doch diese lebendige Gemeinschaft als spirituelles Kernmoment könne man nicht erschaffen oder steuern. Vielmehr müsse sie sich aus einer Eigendynamik selbst entwickeln, auch wenn dies viel Zeit brauche.

Dass Samuel niemandem etwas aufzwingen will, merkt man sofort beim Betreten des Urban-Gardening Projekts. Denn hier ist nichts vorgegeben. Weder erwarten einen vorkonfektionierte Beete noch streng gestutzte Rabatten, sondern eher wild sprießendes Kraut und kreatives Chaos. So hat uns Samuels Garten noch lange beschäftigt. Ist es seine bewundernswerte Geisteshaltung, geduldig zu bleiben, auch wenn es nicht sofort rund läuft? Ist es ein positives Beispiel einer „Liquid Church“, wie es die fachliche Begleitung Maria Herrmann, bekannte Theologin aus dem Bistum Hildesheim ausdrückte? Oder ist es schlicht fehlendes Fachwissen, wie ein Garten angelegt und bewässert werden muss, damit er Früchte tragen kann? Einigkeit konnten in dieser Frage nicht erzielt werden. Aber vielleicht weist gerade dieses Unbestimmte einen neuen interessanten Weg.

Vom wilden Garten in den Dschungel der Großstadt

Größer könnte der Kontrast nicht sein, denkt sich die Gruppe, als sie von der Weite des Vorstadt-Gartens in die enge Köln-Mühlheims kommt. Aufgrund seiner Stahl- und Rüstungsindustrie-Vergangenheit wurde der Vorort Kölns im Krieg völlig zerstört. Mit einfachen Zweckbauten wieder aufgebaut, entwickelte er sich erst zu einem Viertel für die weniger Betuchten, dann zu einem sozialen Brennpunkt, und ist nun auf bestem Weg, hippes Szenequartier zu werden. Hier hatte bis vor kurzem Beymeister ihren Sitz, eine evangelische Initiative, die besonders die in den Blick nimmt, die wenig Bezug zur Kirche haben.

Sebastian, evangelischer Pfarrer und Co-Leiter empfängt die Reisenden freudig lachend im Park. Es gibt einen kurzen Abriss über die bewegte Geschichte des Viertels. Anschließend geht es weiter zum Wiener Platz, Treffpunkt des Viertels. Immer wieder unterbricht Sebastian seine Erzählungen, um Leute aus der Nachbarschaft zu begrüßen, einen kurzen Plausch zu halten, oder zu fragen wie es denn so selbst und den Kindern gehe. Wir sind gefangen von der positiven Energie, die er in diesem eigentlich nicht so schönen Nachkriegs-Vorort versprüht. „Der ist hier wirklich zuhause!“ flüstert eine Teilnehmerin passend.

„Wie erreichst du die Leute?“, war eine der Fragen, die an Sebastian gerichtet wurde. Ein kurzer Spaziergang an den Rhein klärt auf. „Da drüber ist die Kirche, aber die Menschen aus dem Viertel treffen sich hier am Fluss. Wir haben es ihnen nachgemacht, haben die Kirche verlassen und sind hier runter zum Fluss, um mit den Leuten zu sprechen!" Um zu erklären, wie das genau vor sich ging, entstehen flugs zwei kleine Kreidezeichnungen auf dem Asphalt. „So reden wir“, sagt Sebastian und zeichnet einen Kreis auf die Straße „Und so reden die Leute hier“ und malt ein Dreieck. „Und deshalb müssen wir auch dreieckig reden!“, folgert er und erntend zustimmendes Kopfnicken.

Gemeindewachstum trotz Geldmangel

Am nächsten Tag geht es weiter Richtung Niederlande. Kaum über die Grenze, wird die Gruppe von einem hartnäckigen Nieselregen erwartet, der den ganzen Tag nicht mehr aufhören wollte. Fröstelnd kommen die Pionierinnen und Pioniere an einem Bauernhof in Hilversum an, dem Sitz der 2011 gegründeten Initiative Vitamine G, dreißig Minuten südöstlich von Amsterdam. Der Hof hat sich inzwischen zu einem kulturellen Treffpunkt entwickelt, nachdem der Besitzer diesen stückweise an alternative Initiativen verpachtet hatte. Es gibt ein Café und ein Restaurant. Ein weiteres Gebäude wird von einem Künstler genutzt, ein anderes von einem Hersteller von Tiny-Houses. Und der große Kuhstall dient im Sommer als Veranstaltungsraum. Und zwischen Café-Gästen, Besuchern und Handwerkern immer wieder gackernde Hühner, die sich etwas verwirrt von den vielen Menschen, ihr Reich mit den Zweibeinern teilen müssen.

Freudig werden die Gäste aus Deutschland von Kaj und Rianne begrüßt. Bei Kaffee und Keksen wärmen sie sich auf und erfahren, wie es dazu kam, dass Vitamine G, die Initiative der beiden, die schmucke Dorfkirche in Hilfersum hinter sich gelassen hat und nun auf dem Hof eine neue Bleibe gefunden hat. „Durch Corona mussten wir nach draußen, um Menschen zu begegnen. Das hat gut funktioniert. So sind wir draußen geblieben und zu Kirchennomaden geworden.“ lautet die einleuchtende Erklärung. Vitamine G sei vor allem für Menschen, die wenig Kontakt zu den traditionellen Kirchen haben und neu nach Hilversum kommen. Und im Gegensatz zur Kirche in der Ortsmitte können sich hier alle einbringen, Gottesdienste gestalten und leiten, und das ganz ohne Theologiestudium oder pastorales Amt. Partizipation und freie Entscheidung so erklärt Kaj, sei ihnen wichtig. So müsse sich niemand entscheiden, reguläres Mitglied zu werden. Vielmehr können sich alle nach je eigenem Charisma beteiligen.

Leider scheint dies jedoch zumindest in finanzieller Hinsicht ein Nachteil zu sein. Denn die Zuteilung der Mittel richte sich leider nach der Anzahl der Mitglieder. So habe Vitamine G auch damit zu kämpfen, dass die Bewegung zwar wachse, aber dennoch nicht die vielen und vor allem wohlhabenden Mitglieder der traditionellen Gemeinden habe. Das Budget für Personal und andere Ausgaben fällt entsprechend schmal aus. Das finden auch die Gäste sehr schade, denn aus der offenen und warmherzigen Art der beiden strahlt tatsächliches Interesse und gelebte Nächstenliebe, die es Wert wäre, auch finanziell besser unterstützt zu werden.

Die Leute reden dreieckig, deshalb müssen wir auch dreieckig reden!

Von der Kreativität des Teams konnten sich die Gäste dann auch gleich selbst überzeugen. Nach der Kaffeepause fand sich ausgerollt auf dem Tisch eine Textpassage aus dem Buch Jesaja. Doch wozu sind die Kisten voller Legosteine da, konnte man aus den fragenden Gesichtern förmlich ablesen. „Versucht, den Text mit Legosteinen darzustellen“, so die einfache Erklärung von Kaj. Der Text aus Jesaja 56, „So wächst die Gemeinde über ihre Grenzen“ (Lutherübersetzung) scheint geradezu Programm zu sein für Vitamine G und spornte an, eifrig zu grübeln, zu überlegen und zu basteln. In weniger als zwanzig Minuten entstand, wie ein Teilnehmer erstaunt feststellte, so die Zusammenfassung der ganzen Schrift nur mit Lego-Steinen.

Basteln macht hungrig. Zum Glück wartete ein reich gedeckter Tisch auf die Gäste, die sich genüsslich über Salate, Suppen und weiter Köstlichkeiten hermachten. Mit vollem Bauch und guten Gedanken ging es weiter nach Veenedal, wo da nächste Projekt bereits wartete.

Gelebte Verkündigung im Taubenschlag

Auch für Pieter, der die Gruppe in der Veenendaaler Initiative „De Poster“, was „Brieftaubenschlag“ bedeutet empfängt, war die Frage nach dem „Warum“ ausschlaggebend. „Wir haben als erstes gefragt, was gebraucht wird!“ so seine Antwort auf die Frage nach dem Beginn. Das Viertel in dem De Poster ihre Zelte aufschlug, war für viele neu zugezogene Menschen nach langer Flucht aus Unruhen und Kriegen zur neuen Heimat geworden. Angekommen in den Niederlanden hofften sie nun auf ein friedliches und erfülltes Leben. Doch eine neue Sprache zu lernen und die Kinder bei fremd anmutenden Hausaufgeben zu helfen, war vielen nicht möglich. „De Poster“ reagierte prompt und so wurde eine Hausaufgabenhilfe gestartet, die noch heute besteht. Dass das kleine Gebäude inmitten des Wohnquartiers zu einem beliebten Treffpunkt geworden ist, ist offensichtlich. Es geht tatsächlich zu wie in einem Taubenschlag. Dutzende Erwachsene und Kinder, die meisten aus Nahost und Afrika drängen sich in dem zentralen Raum. Hinter einer kleinen Theke werden ununterbrochen Kaffee und Getränke ausgegeben. Freundliche Damen verteilen Becher mit frisch zubereitetem Gemüse unter die hungrigen Gäste. „Das haben alles die Frauen aus dem Viertel gekocht“, erklärt man den Gästen aus Deutschland. Wie einladend de Poster wirkt erfahren auch Martin und Bernd aus der deutschen Gruppe, die gleich zwischen den Gästen platznehmen und sich munter in die Gesellschaft einfügen.

Es gehe darum, zu fragen, was gebraucht werde und Gelegenheiten zu nutzen, so erklärt Pieter. Ob es nicht schwierig sei, eine christliche Botschaft zu platzieren, wo die meisten Gäste muslimisch seien, wird er gefragt. Das Gegenteil sei der Fall, denn die De Poster Gäste würden es schätzen, dass eine klare Botschaft formuliert würde. Dennoch gebe es keine direkte Verkündigung, was ehrenamtlich mitarbeitende manchmal irritiere. Das sei nicht inkonsequent, denn die gelebte Diakonie, sei bereits Verkündigung, so Pieter. So ist die Christus-bezogenheit eben nicht ein Add-on, so der gelernte IT-Berater, sondern eher das Betriebssystem, das sich in alle Bereiche des Handelns von De Poster auswirke.

Mit vielen Eindrücken und einem guten Schwung guter Ideen ging es am drauffolgenden Sonntag wieder zurück nach Deutschland. Es war für alle beeindruckend zu sehen, welche Fülle an Initiativen es gibt und mit welchem Elan diese ihren Beitrag zum Reich Gottes und zum Leben in Fülle erbringen wollen. Doch auch das Ringen nach dem richtigen Weg war zu erkennen. Und natürlich existieren diese Initiativen nicht im luftleeren Raum. Sie sind nicht ohne Rückschläge und nicht ohne finanzielle und andere Probleme. Dennoch machen sie Hoffnung.

Das „Why“ in der DNA

Und so verschieden die Initiativen auch waren, gibt es dennoch verbindende Elemente. Besonders scheint dies die Geisteshaltung zu sein, die den eruierten Bedarf der Zielgruppen konsequent zur Handlungsgrundlage und sogar Legitimierung der Pastoral macht. Das Fragen nach dem „wozu“, wie es auch die dynamischen Stellen im Bistum praktizieren, ist kein Add-On, das das pastorale Angebot um eine soziale Komponente ergänzt. Vielmehr scheint diese User-Zentriertheit in der DNA der besuchten Initiativen verankert zu sein. Die beobachtete Pastoral wird damit idealerweise zur Konsequenz und Konkretisierung eines fundierenden Bekenntnisses.

Die beschriebene Exkursion ist Teil eines Pionierkurses, der vom TPI Mainz angeboten wird. Die Leitung des noch laufenden Kurses haben die Pastoralreferentin Andrea Legge, Bistum Freiburg und der Pastoralreferent Felix Goldinger, Bistum Speyer.

Jörg Heuser

Arbeitswelt und Kirche

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